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Redaktionsbüro
Ingo Steinhaus
 
 
 

Nerven behalten beim Umzug

Der Kleinlaster wartet. Strom, Wasser und Telefon sind umgemeldet. Laut Stautelefon ist die Strecke von Köln nach Berlin so gut wie frei. Die verschwitzten Packer pusten einmal durch. Der perfekte Umzug? Nicht für Bernd Wilms, der entnervt in seiner Küche steht: Die Schränke sind noch voll, aber es gibt keine Umzugskartons mehr.

Irgendwas ist immer, diese Lebensweisheit gilt bei Umzügen ganz besonders: Stühle werden auf der Strasse vergessen, die Kinder schreien, die Frau ärgert sich über Kratzer am Schrank, nicht alle Umzugshelfer sind gekommen. Wer umzieht, braucht starke Nerven und ausreichend Kartons.

Bernd Wilms gehört zu den jährlich etwa neun Millionen Bundesbürgern, die laut der Deutschen Post AG die Wohnung wechseln und dabei ihre Nerven strapazieren. Ein Umzug stellt viele Menschen vor ungewohnte Aufgaben: Wie kommt der Inhalt der Wohnung schnell, stressfrei und ohne Verluste von A nach B? Viele Leute verzweifeln an dieser Aufgabe und greifen zu Extremverfahren: Entweder sie überlassen alles dem Chaos oder einem Umzugsunternehmen.

Der Profiumzug kostet für Familien mindestens zweitausend Euro, bei oben offenen Grenzen. Wer solche Ausgaben verhindern will, muss selbst ran. Doch er kann sich vom Internet helfen lassen: Es weiß immer Rat, kennt tausend Tricks und ist jederzeit erreichbar.

Im Internet versucht ein halbes Dutzend überregional arbeitender Dienstleister Umziehende auf sich aufmerksam zu machen – zum Beispiel eine bundesweit agierende Speditionsvermittlung (www.moving24.de) oder ein Geschäft für Umzugsbedarf (www.um­zugs­shop24.de). Sie alle spekulieren auf erhöhten Informationsbedarf und die Bereitschaft, sich beim Umzug helfen zu lassen.

"Umzüge sind private Ausnahmezustände," meint Jörg Mühlendorf, Geschäftsführer der Internet-Portale Umzugsratgeber.net und Ummelden.de. Sie widmen sich mit umfangreichen Informationen und Dienstleistungen den Problemen eines Umzugs. "Behördengänge und ähnliche Erledigungen verschwenden kostbare Lebenszeit, da die meisten Leute zusätzlich Urlaub nehmen müssen."

Das Internet bietet viele Möglichkeiten, zumindest einen Teil der Organisation in Minutenfrist vom heimischen Rechner aus zu erledigen, anstatt einen ganzen Vormittag durch die Stadt zu hetzen. Post und Telekom sind Vorreiter: Unter www.t-punkt.de kann jeder Telekom-Kunde seinen Anschluss ummelden und die Post bietet mit dem Webdienst www.umzugservice.com einen Nachsendeservice für die Briefpost an.

Post und Telefon sind zentral organisiert, doch bei Versicherungen, Banken und Behörden ist die Umzugsplanung per Internet nicht so einfach: Pro Familie kommen gut und gerne ein Dutzend Webadressen zusammen. Und trotz eines Jahrzehnts Internetboom bieten viele Firmen und Behörden lediglich Eigenwerbung. Ummelden per Netz, Ändern der Adresse, Verwalten von Kundendaten, Verträgen und Policen? Viel zu oft Fehlanzeige.

Vor allem die Behörden haben Nachholbedarf, das Online-Rathaus mit einfacher Ummeldung per Computer ist noch lange nicht in Sicht. Immerhin gibt es inzwischen von den meisten Stadtverwaltungen Formulare für den Download, so dass zumindest der Anruf zur Formularbestellung entfällt.

Eine Unart vieler Websites mit Ummeldemöglichkeit ist damit aber nicht beseitigt: Die Seite mit dem Formular zur Adressänderung ist oft kaum zu finden, da ein direkter Link wie "Umzug" oder "Adresse ändern" fehlt. Wer ein wenig um die Ecke denkt und etwas herum klickt, findet meist das Gewünschte. Doch wer hat schon Lust, in der heißen Umzugsphase lange zu suchen?

Das Portal Ummelden.de verkürzt die Suche: Es bietet alle wichtigen Webseiten zum Thema für den direkten Klick an. Vereint von A wie Anmelden bis Z wie Zeitungsabonnement bietet es alle Dienstleistungen unter einem Dach. Es verweist auf die Online-Services von Firmen und Behörden sowie auf Umzugsdienstleister wie Speditionen oder Autoverleiher. Eine spezielle Jobbörse dient der Vermittlung von kräftigen Packern. Ratgeberinhalte wie zum Beispiel Checklisten, Renovierungstricks oder Kartonaufkleber zum Ausdrucken rund das Angebot ab. Jörg Mühlendorf: "Der Bedarf ist da. Marktuntersuchungen zeigen, dass Wohnungswechsler mit Internetzugang das Netz intensiv für Informationen über den neuen Wohnort nutzen."

"Das Internet soll das Leben der Menschen vereinfachen," ergänzt Jens Thiede, Geschäftsführer von Ich-zieh-um.de. Die Hamburger Firma verfolgt einen etwas anderen Ansatz als Ummelden.de und bietet eine zentralisierte Dienstleitung an: Umzügler melden sich an, nennen die alte und die neue Adresse und werden von dem Dienstleister bei Zeitungsverlagen, Versicherungen, Banken und anderen Firmen umgemeldet.

Über 600 Partnerfirmen wickeln ihre Leistungen für Umzügler über Thiedes Website ab. Ein Geschäftsmodell, das neben vielen Kunden auch die Deutsche Post attraktiv fand: Sie hat die junge Firma aufgekauft und in die eigenen Umzugsdienste integriert.

Trotz des Unterschieds im Konzept, eine Gemeinsamkeit haben die beiden Markführer: Sie verlangen von ihren Nutzern keine Gebühren. Nicht nur der Internetkenner stellt sich die Frage: Wie wird hier Geld verdient? Zunächst wird nämlich gespart. Die Umziehenden sparen Zeit, Geld und Nerven. Auch die Firmen sparen Kosten, denn jeder unbekannt verzogene Kunde mindert den Umsatz und erfordert eine teure Recherche.

Von einem Anteil der gesparten Kosten leben die Umzugsdienstleister. Doch Firmen zahlen auch für neue Kunden. Dies ist die zweite Basis der Dienste von Thiede und Mühlendorf. Da Telefongesellschaften, Stromfirmen und Sparkassen oder Banken zu den Kooperationspartnern gehören, kann der Umzugswillige auch gleich einen neuen Vertrag mit einem anderen Lieferanten abschließen. Die Gelegenheit für Firmen: Da sowieso alles umgemeldet werden muss, sind die Leute eher für einen Wechsel zu einem anderen Anbieter bereit.

Die beiden Umzugsportale verheißen eine kostengünstige Hilfe beim Umzug. Vereinzelt allerdings wird der Umzugswillige zum Zahlungspflichtigen: Die Post zum Beispiel bietet den ehemals kostenlosen Nachsendeantrag für 14,80 € an. Da freut sich der gestresste Umzügler geradezu über Schnäppchen: Auf der Auktionsplattform eBay.de gibt es neue und gebrauchte Umzugskartons mit 40 Kilo Tragekraft. Bei Kampfpreisen von wenig mehr als einem Euro wären auch für Bernd Wilms Küche noch genügend Kartons da gewesen.

(Fondsmagazin 2003)